Autorität ohne Unterdrückung? Warum wir Führung nicht den Reaktionären überlassen dürfen.

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Traumafachberater und Traumapädagogen begegnen mir viele Konzepte, die meinen Blick auf Soziale Arbeit schärfen. Aber eines hat mich – als linken Politiker und freiheitsliebenden Menschen – besonders herausgefordert: Das Konzept der „Neuen Autorität“ nach Haim Omer.

Sind wir ehrlich: Bei „Autorität“ stellen sich mir erst mal die Nackenhaare auf. Ich denke an Gehorsam, an „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ und an Strukturen, die Menschen klein halten. Als Linker kämpfe ich gegen solche Machtverhältnisse.

Aber genau hier liegt das Missverständnis. Haim Omers Ansatz hat nichts mit der „alten Autorität“ (Macht über jemanden) zu tun. Es ist vielmehr eine Anleitung zum gewaltfreien Widerstand im pädagogischen Alltag. Und das ist radikal demokratisch.

Was ist die „Neue Autorität“ wirklich?

Das alte Modell funktionierte durch Distanz und Angst: „Wenn du nicht spurst, bestrafe ich dich.“ Das Problem? Wer keine Angst mehr hat (oder wer, wie viele unserer traumatisierten Kids, nichts mehr zu verlieren hat), den erreichst du damit nicht. Du eskalierst nur.

Die Neue Autorität ersetzt Kontrolle durch Präsenz. Sie stützt sich auf vier Säulen, die ich extrem spannend finde:

1. Präsenz statt Dominanz
Es geht nicht darum, den Kampf zu gewinnen oder das letzte Wort zu haben. Es geht um die Botschaft: „Ich bin da. Ich bleibe da. Auch wenn du mich anschreist, auch wenn du Fehler machst. Ich bin dein Sozialarbeiter/Lehrer und ich gebe die Beziehung zu dir nicht auf.“ Das ist für traumatisierte junge Menschen, die oft Beziehungsabbrüche erlebt haben, die stärkste Botschaft überhaupt.

2. Die Kunst der Verzögerung („Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist!“) & Selbstkontrolle
In der alten Autorität muss sofort reagiert werden. Das führt oft zu Affekttaten – auch bei Pädagogen. Die Neue Autorität sagt: Stopp. Wir sagen dem Kind: „Das, was du gerade tust, akzeptiere ich nicht. Wir werden darüber reden. Aber nicht jetzt.“ Das nimmt den Druck aus dem Kessel. Es verhindert, dass wir aus Wut strafen. Wir gewinnen Zeit, um uns zu sortieren und professionell zu handeln, statt emotional zurückzuschlagen.

3. Vernetzung und Transparenz (Das „Wir“) & Unterstützungssystem
Keine „One-Man-Show“ mehr. Destruktives Verhalten gedeiht oft im Verborgenen. Die Neue Autorität bricht das Schweigen. Wir holen Kolleg*innen, Eltern oder Freunde dazu. Die Botschaft an den Jugendlichen ist: „Ich kämpfe nicht allein gegen dich. Wir als Gemeinschaft stehen hier für einen gewaltfreien Umgang.“ Das nimmt die Last von den einzelnen Schultern und schafft ein haltgebendes Netz.

4. Beziehungsgesten & Versöhnung
Unabhängig vom Konflikt bieten wir immer wieder Beziehung an. Kleine Gesten, Interesse, Wertschätzung. Wir trennen strikt zwischen der Person (die wir annehmen) und dem Verhalten (das wir ablehnen).

Warum das politisch relevant ist

Wenn wir den Begriff „Autorität“ nur den Konservativen überlassen, verlieren wir. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung. Wenn wir diese nicht durch beziehungsstarke Führung geben, suchen sie sich diese woanders – oft in extremistischen oder destruktiven Gruppen.

Die Neue Autorität ist im Kern herrschaftskritisch:

  • Sie lehnt körperliche und psychische Gewalt ab.
  • Sie setzt auf Transparenz statt auf schwarze Pädagogik.
  • Sie zielt auf Kooperation und Selbstwirksamkeit, nicht auf Unterwerfung.

Freiheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Grenzen. Echte Freiheit entsteht dort, wo sich Menschen sicher fühlen können, weil es einen verlässlichen Rahmen gibt. Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft auseinanderzudriften droht, ist dieser Ansatz des „gewaltfreien Widerstands“ gegen Hass und Gewalt vielleicht aktueller denn je – im Klassenzimmer wie im Ratssaal.

Wir müssen Autorität nicht abschaffen. Wir müssen sie nur endlich demokratisieren.

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